Kurzantwort
Marktkommunikation ist der standardisierte elektronische Datenaustausch zwischen den Marktpartnern des Strommarkts: Lieferant, Netzbetreiber, Messstellenbetreiber, Bilanzkreisverantwortlicher und weitere Rollen. Die Bundesnetzagentur legt in GPKE, WiM Strom und MaBiS fest, wer wem in welcher Frist welche Information schickt. Die Nachrichten sind EDIFACT-Dateien wie UTILMD und MSCONS. Welcher Anwendungsfall vorliegt, steht im Prüfidentifikator (Prüfi), und der Transport läuft über AS4.
Eine UTILMD oder ORDERS quittiert der Empfänger spätestens 45 Minuten nach Eingang per APERAK. Die fachliche Antwort folgt danach in der Prozessfrist, beim Lieferbeginn spätestens am nächsten Werktag um 11:00 Uhr.
Warum es Marktkommunikation gibt
Der Wettbewerb im Strommarkt beruht auf diskriminierungsfreiem Netzzugang. Das BDEW-Rollenmodell leitet daraus ab, was dafür nötig ist: ein sicherer und reibungsloser Informationsaustausch, klare Verantwortlichkeiten und standardisierte, automatisierte Prozesse und Datenformate (Kap. 1.1). Der Fokus liegt auf Geschäftsabläufen, die „standardisiert in einer hohen Anzahl und wiederkehrend“ laufen.
Ohne diese Standardisierung müsste jeder Netzbetreiber mit jedem Lieferanten eigene Formate, Fristen und Zuständigkeiten vereinbaren. Mit ihr gilt für alle dasselbe: Die Marktlokation hat zu jedem Zeitpunkt einen zugeordneten Lieferanten, und alle Beteiligten erfahren davon durch dieselben Nachrichten. Wie sich dieser Zeitverlauf aufbaut, zeigt Lieferbeginn und Lieferende.
Wer spricht mit wem worüber
Es kommunizieren Rollen, keine Unternehmen. Ein Stadtwerk tritt als Netzbetreiber, als Lieferant und als Messstellenbetreiber auf, jede Rolle mit eigener Marktpartner-ID (Ein Unternehmen, mehrere Marktrollen). Der Kunde ist über den Liefervertrag Vertragspartner des Lieferanten, schickt selbst aber keine Marktnachricht (Vertragspartner und Marktpartner).
Der Netzbetreiber bildet und verwaltet die Marktlokationen seines Netzes und ordnet ihnen Marktpartner zu. Deshalb laufen fast alle Pfade über ihn. Drei Regelwerke ordnen die Pfade nach Thema. Die Anwendungsübersicht der Prüfidentifikatoren führt sie in der Spalte „Prozessbeschreibung“:
- GPKE regelt die Belieferung: Lieferbeginn, Lieferende, Kündigung, Stammdaten und Konfigurationen, vor allem zwischen Lieferant und Netzbetreiber. Die früheren MPES-Prozesse sind seit der Fassung zu BK6-24-174 in der GPKE enthalten (GPKE: Zweck und Aufbau).
- WiM Strom regelt den Messstellenbetrieb: Beginn und Ende, Gerätewechsel, Konfigurationen und die Übermittlung von Werten (WiM Strom im Überblick).
- MaBiS regelt die Bilanzierung: Bilanzkreiszuordnung, Zeitreihen und Bilanzkreisabrechnung zwischen Netzbetreiber, Bilanzkreisverantwortlichem, Bilanzkoordinator und Übertragungsnetzbetreiber (Bilanzkreisabrechnung verstehen).
Was jede Rolle in diesen Regelwerken tut, steht in Marktrollen in der Strom-Marktkommunikation. Welche Gesetze und Festlegungen darüberstehen, erklärt EnWG, MsbG und Festlegungen.
Die Nachrichtentypen
Alle Nachrichten sind EDIFACT-Nachrichten, deren Aufbau die MIG (Message Implementation Guide) und deren Anwendungsfall das AHB (Anwendungshandbuch) festlegt, zusammen veröffentlicht von EDI@Energy. Die Tabelle nennt je Typ den Zweck und darunter einen Anwendungsfall aus der Anwendungsübersicht 4.0.
| Typ | Zweck und Beispiel |
|---|---|
| UTILMD | Stammdaten und Zuordnungen: wer beliefert oder misst welche Lokation ab wann 55001 Anmeldung, LFN an NB |
| MSCONS | Messwerte, Zählerstände, Lastgänge, Zeitreihen 13027 Werte nach Typ 2, MSB an NB |
| INVOIC | Rechnungen, etwa zur Netznutzung 31002 NN-Rechnung, NB an LF |
| REMADV | Zahlungsavis zu einer Rechnung 33003 Abweisung, LF an NB |
| ORDERS und ORDRSP | Bestellung oder Anforderung und die Antwort darauf 17115 Sperrauftrag, LF an NB |
| IFTSTA | Statusmeldung zu einem Vorgang 21039 Auftragsstatus Sperren, NB an LF |
| UTILTS | Berechnungsformeln und Definitionen (Zählzeit, Schaltzeit, Leistungskurve) 25001 Berechnungsformel, NB an MSB und LF |
| PRICAT | Preisblätter und Preise 27003 Preisblätter NB-Leistungen, NB an LF |
| COMDIS | Zurückweisung einer erhaltenen Ablehnung 29001 Ablehnung REMADV, NB an LF |
| CONTRL und APERAK | technische und anwendungsbezogene Rückmeldung ohne Prüfi, siehe nächster Abschnitt |
Dazu kommen kleinere Typen: REQOTE und QUOTES (Anfrage und Angebot, etwa 35001 und 15001 zur Geräteübernahme), PARTIN (37000 Kommunikationsdaten des Lieferanten), INSRPT (23001 Störungsmeldung) und ORDCHG (39000 Stornierung eines Sperrauftrags). Die Prüfis sind der Anwendungsübersicht 4.0 entnommen, die Richtung der Spalte „Kommunikation von“ und „an“. Vertiefungen: UTILMD und MSCONS, ORDERS und IFTSTA, REMADV, UTILTS, PRICAT, COMDIS.
Der Prüfidentifikator als Schlüssel
Dieselbe UTILMD-Struktur trägt Dutzende Anwendungsfälle. Welcher gemeint ist, steht im Prüfidentifikator, einer fünfstelligen Zahl im Segment RFF der Segmentgruppe SG6 mit dem Qualifier Z13 (UTILMD-AHB Strom 2.2). Er sagt dem Empfänger, nach welcher AHB-Spalte er die Nachricht prüft: welche Felder Muss oder Kann sind und welche Bedingungen und Codes gelten.
Die Anwendungsübersicht ordnet jedem Prozessschritt aus GPKE, WiM oder MaBiS einen Prüfi zu, dazu die Rollen von Absender und Empfänger und den Übertragungsweg. Die Zahlenbereiche folgen dem Nachrichtentyp: 55xxx für UTILMD Strom (44xxx für Gas), 13xxx für MSCONS, 17xxx für ORDERS, 19xxx für ORDRSP, 21xxx für IFTSTA, 31xxx für INVOIC, 33xxx für REMADV. Antworten haben eigene Prüfis: Die Bestätigung einer Anmeldung ist 55002, die Ablehnung 55003. Wer eine Nachricht verstehen will, schlägt ihren Prüfi in der AHB-Werkbank nach. Die Logik dahinter erklärt Prüfidentifikatoren verstehen.
Der Weg einer Nachricht
- Erzeugen. Der Absender baut eine EDIFACT-Übertragungsdatei nach MIG und AHB mit dem Prüfi des Anwendungsfalls. Eine Datei kann mehrere Geschäftsvorfälle enthalten.
- Senden per AS4. Der Übertragungsweg ist AS4 nach dem BDEW-AS4-Profil. Zwischen zwei MP-IDs gibt es genau einen Übertragungsweg mit genau einem Endpunkt. Signatur und Verschlüsselung nutzen Zertifikate der Smart-Metering-PKI des BSI. Die Adresse des Endpunkts steht im Zertifikat (Regelungen zum Übertragungsweg für AS4, Kap. 3 bis 5 und 9; Details in AS4 und Smart-Metering-PKI).
- Empfangen und prüfen. Der Empfänger prüft Syntax, dann den Inhalt gegen AHB und Zuordnung (Objekt und Geschäftsvorfall).
- Quittieren. Der Empfänger meldet das Ergebnis der Prüfung zurück, siehe nächster Abschnitt.
- Fachlich antworten. Verlangt der Prozess eine Antwort, kommt sie mit dem vorgesehenen Nachrichtentyp in der Prozessfrist.
Die Spalte „Übertragungsweg“ der Anwendungsübersicht kennt vier Kürzel: AS4, API für die API-Webdienste, MP für Wege nach den älteren Regelungen zum Übertragungsweg 1.x und RD für Redispatch-2.0-Prozessdaten. In Version 4.0 trägt MP nur der Austausch mit dem Herkunftsnachweisregister, RD die Redispatch-Prozessdaten. Alle übrigen EDIFACT-Marktprozesse, darunter alle hier genannten, laufen über AS4. Die MaLo-ID-Ermittlung läuft als API-Webdienst und nicht als EDIFACT-Nachricht (API-Webdienste in der Marktkommunikation).
Quittungen und Fristen
Im Strom gilt nach dem APERAK-AHB 1.1 (Kap. 1.2 und 2.4) eine abgestufte Rückmeldung:
| Stufe und Meldung | Wann |
|---|---|
| Transport: AS4-Fehlerrückmeldung mit EBMS-Code, etwa EBMS:0101 bei fehlender oder ungültiger Signatur | bei Fehler, auf AS4-Ebene |
| Syntax: CONTRL als Fehlermeldung | nur wenn die Datei syntaktisch falsch ist |
| Verarbeitbarkeit: APERAK je Geschäftsvorfall, positiv als Anerkennung, sonst als Fehlermeldung | UTILMD, ORDERS: unverzüglich, spätestens 45 Minuten nach Eingang. Übrige Typen: spätestens nächster Werktag, 12:00 Uhr |
| Geschäftsantwort: Antwortnachricht des Prozesses, etwa UTILMD 55002 | Prozessfrist der GPKE, WiM oder MaBiS |
Drei Regeln aus dem Dokument sind für die Praxis entscheidend:
- Im Strom gibt es keine CONTRL als Empfangsbestätigung. Der Absender darf erst dann von einer ordnungsgemäßen Übernahme ausgehen, wenn er eine Anerkennungsmeldung per APERAK hat.
- Eine zu Recht abgelehnte Datei (CONTRL) oder ein zu Recht abgelehnter Geschäftsvorfall (APERAK) gilt als dem Empfänger nicht zugegangen. Die Frist läuft für den Absender weiter. Er muss korrigiert neu senden, und dann gelten die Fristen ab dem erneuten Sendedatum.
- Samstags gesendete UTILMD und ORDERS quittiert der Empfänger bis Sonntag, 12:00 Uhr. Rund um die Formatumstellung, vom 30.9. um 18:00 Uhr bis 2.10. um 00:00 Uhr, sind Abweichungen von diesen Fristen zu akzeptieren.
Die Formatwechsel zum 1. April und 1. Oktober erklärt ÜNB, VNB, BDEW und EDI@Energy. Fehlercodes der APERAK stehen in Fehlercodes analysieren, das Zusammenspiel von CONTRL und APERAK in CONTRL und APERAK.
Beispiel: Eine Kundin wechselt den Lieferanten
Vereinfachtes Beispiel mit der Marktlokation 41373559241 einer Kundin in Musterstadt. Sie schließt einen Liefervertrag mit einem neuen Lieferanten (LFN). Der bisherige Lieferant ist LFA. Die Anmeldung geht am Montag, 12.10.2026, ein, der gewünschte Zuordnungsbeginn ist Mittwoch, 14.10.2026, 00:00 Uhr. Feiertage sind nicht berücksichtigt.
| Zeitpunkt | Wer an wen | Nachricht |
|---|---|---|
| vorab | LF an NB | MaLo-ID-Ermittlung per API-Webdienst /maloId/request, Antwort binnen 2 Stunden (Ablauf) |
| vorab | LFN an LFA | UTILMD Kündigung 55016, Antwort 55017 oder 55018 spätestens am nächsten Werktag (Ablauf) |
| Mo 12.10. | LFN an NB | UTILMD Anmeldung 55001 |
| Di 13.10., bis 07:00 | NB an LFN | UTILMD Existierende Zuordnung 55036 |
| Di 13.10., parallel | NB an LFA | UTILMD Anfrage zur Beendigung der Zuordnung 55010 |
| Di 13.10., bis 09:00 | LFA an NB | UTILMD Bestätigung 55011 oder Ablehnung 55012. Schweigen gilt als Bestätigung |
| Di 13.10., bis 11:00 | NB an LFN | UTILMD Bestätigung 55002 oder Ablehnung 55003 |
| Di 13.10., bis 12:00 | NB an LFA | UTILMD Beendigung der Zuordnung 55037 |
| Mi 14.10., 00:00 | Der LFN ist der Marktlokation zugeordnet |
Jede dieser UTILMD quittiert der Empfänger binnen 45 Minuten per APERAK. Die Prüfis und Rollen stammen aus der Anwendungsübersicht 4.0, die Fristen aus GPKE Teil 2 (Kap. 1.2 und 2.1). Die Zeichnung aller Schritte samt Zitaten und Seitenzahlen liegt im Ablaufatlas Lieferbeginn, den Wechsel in 24 Stunden erklärt Lieferantenwechsel in 24 Stunden. Nach der Zuordnung folgen Abrechnungsdaten, Stammdaten und Konfigurationen als weitere Prozesse, wie Teilprozesse im Überblick zeigt.
Bedeutung für SAP IS-U
In SAP IS-U bildet der Intercompany Data Exchange die Marktkommunikation ab: IDE liefert Grundfunktionen wie Serviceanbieter, Zählpunkt und Wechselbeleg, die deutsche Erweiterung IDEX die Prozesse der GPKE, WiM und MaBiS. Der Wechselbeleg (Tabelle EIDESWTDOC) hält Wechselart, Serviceanbieter, Status, Nachrichten und Fristen eines Vorgangs fest. Deshalb ist er der Einstieg, wenn ein Wechsel hängt: Aus Prüfi, Richtung und Frist der Tabellen oben lässt sich erkennen, welcher Schritt fehlt.
Die Marktpartner stehen im Dienstleisterstamm, jede Rolle mit eigener externer Nummer. Tabellen im IS-U-Tabellenexplorer, das Datenmodell im Stammdatenatlas, den Ablauf im System in Lieferantenwechsel in SAP IS-U.
Typische Missverständnisse
„Marktkommunikation ist dasselbe wie EDIFACT.“ EDIFACT ist die Syntax. Dazu gehören Prozessfestlegungen, Rollen, Fristen, Prüfidentifikatoren und der Übertragungsweg.
„Ohne CONTRL-Fehler ist die Nachricht angenommen.“ Im Strom schickt der Empfänger nur bei Syntaxfehlern eine CONTRL. Erst die APERAK-Anerkennungsmeldung zeigt, dass der Geschäftsvorfall in die Verarbeitung ging, und auch sie sagt nichts über das fachliche Ergebnis. Das steht in der Geschäftsantwort.
„Eine UTILMD ist ein Lieferantenwechsel.“ Die UTILMD trägt Dutzende Anwendungsfälle. Der Prüfi unterscheidet Anmeldung (55001), Kündigung (55016), Änderung von Stammdaten und viele weitere.
„Lieferantenwechsel in 24 Stunden heißt: am nächsten Tag beliefert.“ Die 24 Stunden bezeichnen die Entscheidungsfristen der Marktkommunikation am Werktag nach der Anmeldung. Im Beispiel liegt zwischen Anmeldung am Montag und Zuordnungsbeginn am Mittwoch 00:00 Uhr nur ein Werktag, den frühesten Beginn bestimmt die Frist von Schritt 1 im Ablaufatlas. Vertragsrechtliche Fragen sind davon getrennt.
Quellen und Pflegehinweis
Grundlage sind das BDEW-Rollenmodell 2.1, GPKE Teil 2 (Lesefassung zu BK6-24-174) sowie Anwendungsübersicht der Prüfidentifikatoren 4.0, APERAK-AHB 1.1 und UTILMD-AHB Strom 2.2, jeweils vom 01.04.2026, und die Regelungen zum Übertragungsweg für AS4 in Version 2.6 (Konsultationsfassung, anzuwenden ab 01.10.2026). Geprüft am 4. Oktober 2026. Formate und Fristen ändern sich mit jedem Formatwechsel zum 1. April und 1. Oktober. Vor Konzeption, Customizing und Test die zum Stichtag gültige Fassung prüfen, die AHB-Werkbank zeigt die Fassungen im Vergleich.