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Energiedaten & Bilanzierung

Lastprognose im Bilanzkreis

Wie Lieferanten den Stromverbrauch ihres Portfolios prognostizieren, daraus Beschaffung und Fahrplan ableiten und Prognosefehler messen und einordnen.

Auf dieser Seite9 Abschnitte

Kurzantwort

Eine Lastprognose schätzt, wie viel Energie ein Portfolio oder Bilanzkreis in den kommenden Viertelstunden entnimmt. Sie ist die Entscheidungsgrundlage für Einkauf und Fahrplan, aber weder der Fahrplan noch ein Messwert. Der Bilanzkreisverantwortliche (BKV) ist nach Ziffer 5.2 des Muster-Bilanzkreisvertrags verpflichtet, durch „entsprechende Sorgfalt bei der Erstellung der Prognosen“ die Bilanzabweichungen möglichst gering zu halten. Was er trotzdem nicht trifft, wird als Ausgleichsenergie abgerechnet.

Historische Lastgänge,Wetter, KalenderLastprognoseEinkauf und HandelFahrplan beim ÜNBLiefertag: Ist-Mengen ausMesswerten und ProfilenBilanzabweichung jeViertelstundeAusgleichsenergie zumreBAP
Von der Prognose zur Abrechnung: Prognose, Handel und Fahrplan liegen vor dem Liefertag, Messwerte und Abrechnung danach.

Wofür die Prognose gebraucht wird

Strom wird für Zeitintervalle gehandelt, nicht als Jahresmenge. Ein Lieferant muss deshalb wissen, wie viel seine Kunden in jeder Viertelstunde entnehmen werden, um passend einzukaufen. Der Bilanzkreis bündelt dafür Entnahmen, Einspeisungen und Handelsgeschäfte; nach § 20 EnWG trägt der BKV die Verantwortung für den Ausgleich. Ein Fahrplan (siehe Fahrplanmanagement verstehen) entsteht aus Prognose, Handelsgeschäften und gegebenenfalls Erzeugung und Speicherfahrweise. Er kann deshalb von der reinen Prognose abweichen.

Bei physischen Einspeisungen oder Entnahmen im Bilanzkreis meldet der BKV nach Anlage 3 Ziffer 5 des Bilanzkreisvertrags zusätzlich Prognosezeitreihen an: FC-CONS für den Verbrauch, FC-PROD für die Einspeisung. Wer seine Prognose ändert, muss auch diese Zeitreihen im Rahmen des Fahrplanmanagements aktualisieren. Sie dienen der Systemplanung des ÜNB und sind nicht abrechnungsrelevant.

Was in das Modell gehört

Historische Zeitreihen. Sie müssen dieselbe Kundengruppe konsistent abbilden. Lieferbeginn, Lieferende, Zählerwechsel, Ersatzwerte und die Zeitumstellung dürfen nicht unbemerkt vermischt werden. Ein Tag hat 96 Viertelstunden, am Tag der Umstellung 92 oder 100 (Zeitumstellung in Energiedaten). Ein fehlender Messwert ist keine Null, ein Ersatzwert kein gleichwertiger Trainingswert (siehe Status und Qualität von Messwerten).

Kundengruppen. Kunden mit Standardlastprofil (SLP) sind bilanziell durch das Profil beschrieben; für die Beschaffung braucht der Lieferant trotzdem eine eigene Erwartung, etwa für Temperaturabhängigkeit. Bei Kunden mit registrierender Leistungsmessung (RLM) liegen gemessene Lastgänge vor, hier zählen Betriebszeiten, Schichten und geplante Stillstände. Wie die Grenze zwischen beiden heute geregelt ist, steht in Registrierende Leistungsmessung (RLM) verstehen; das Profilverfahren erklärt Standardlastprofile (SLP) verstehen.

Einflussgrößen. Außentemperatur, Bewölkung und Wind (bei gekoppelter Erzeugung), Wochentag, Ferien und regionale Feiertage. Auch Wärmepumpen, Speicher, Eigenerzeugung und Elektromobilität verändern die Struktur eines Portfolios. Dynamische Tarife verschieben Verbrauch in günstige Stunden (Dynamische Stromtarife und Messwerte).

Portfolioänderungen. Wechselt ein großer Kunde zum Lieferanten, fehlt ihm die Historie im eigenen Bestand. Ein Modell, das nur vergangene Summen fortschreibt, liegt bei wachsenden oder schrumpfenden Portfolios systematisch daneben.

Vom einfachen Modell zur laufenden Korrektur

Ein transparentes Basismodell nimmt je Viertelstunde den Mittelwert vergleichbarer Tage (Werktage, Samstage, Sonntage derselben Saison) und korrigiert Temperatur und Kalender. Regression, Zeitreihenmodelle oder maschinelles Lernen kommen darauf. Ein erklärbares Modell mit sauberen Daten schlägt oft ein besseres, dessen Fehler niemand bemerkt.

Nahe am Liefertag wird neu gerechnet, mit aktuellen Messwerten und Wetterdaten. Jede Version trägt Erstellungszeit, Datenstand und Annahmen, damit später erkennbar ist, ob ein Fehler im Modell, in den Stammdaten oder in verspäteten Messwerten lag. Ein Punktwert täuscht Genauigkeit vor; Bänder für milde, normale und kalte Tage helfen bei Handelslimits, auch wenn der Fahrplan am Ende eine konkrete Zahl braucht.

Abweichung messen

Der Vertrag definiert die Bilanzabweichung je Viertelstunde als Differenz zwischen allen Entnahmen und allen Einspeisungen des Bilanzkreises, jeweils einschließlich der Fahrpläne. Die Ist-Mengen werden erst nach dem Liefermonat nach MaBiS endgültig; vorläufige und abrechnungsrelevante Stände sind zu unterscheiden (Bilanzkreisabrechnung verstehen, Clearing und Bilanzierung).

Brauchbare Kennzahlen: der mittlere absolute Fehler (MAE) in MWh je Viertelstunde, der mittlere Fehler mit Vorzeichen als Maß für Verzerrung und die kumulierte Mengenabweichung. Ein Modell, das jeden Tag etwas zu niedrig liegt, hat vielleicht einen kleinen MAE, erzeugt aber eine dauerhafte Unterdeckung. Aufgeschlüsselt wird nach SLP und RLM, Temperaturklassen, Kundengröße und Region. Ein großer Portfoliofehler kann aus einer einzigen falsch zugeordneten Marktlokation stammen (Zuordnung von Marktlokationen zu Bilanzkreisen).

Was die Abweichung kostet, erklärt Fahrplananmeldung und Ausgleichsenergie.

Beispiel: ein kalter Montag

Ein Lieferant versorgt 20.000 Haushalte und 80 RLM-Kunden. Sein Modell prognostiziert für den Montag 1.000 MWh. Er kauft passend ein und meldet den Fahrplan. Über Nacht fällt die Temperatur stärker als im Vortagslauf angenommen, Wärmepumpen und elektrische Heizungen ziehen mehr. Ein Industriekunde steht still und entnimmt weniger. Am Ende stehen 1.045 MWh in der Bilanz, 45 MWh über der Prognose. Der Vortagslauf war eine Schätzung, kein Fehler im Fahrplan: Die 45 MWh sind Bilanzabweichung, die in den betroffenen Viertelstunden zum reBAP abgerechnet wird, nicht „Regelenergie des Lieferanten“.

Das Team prüft zuerst Vollständigkeit und Zuordnung der Messwerte, trennt dann Wettereffekt und Stillstand und gibt beides in das nächste Update. Ein Industriekunde mit angekündigtem Stillstand hätte vorab in die Prognose gehört. Dass der ÜNB parallel Regelreserve aktiviert, ist ein anderer Vorgang.

SAP und EDM

Welche Stammdaten eine Prognose braucht (Marktlokation, Bilanzkreiszuordnung, Gültigkeit), steht in den Marktkommunikationsartikeln. Konkrete Aussagen zu Prognosefunktionen in SAP IS-U lassen sich hier nicht belegen und stehen deshalb nicht im Text. Gesichert ist nur die fachliche Anforderung: Prognoseversion, Fahrplanversion und Ist-Zeitreihe sind getrennte Objekte, und Gültigkeiten richten sich nach dem Wirksamkeitsdatum, nicht nach dem Eingang.

Typische Missverständnisse

„Die Lastprognose ist der Fahrplan.“ Der Fahrplan entsteht aus Prognose und Handelsgeschäften.

„Eine Abweichung ist immer ein Modellfehler.“ Auch Messlücken, Ersatzwerte, Zuordnungsfehler und ungeplante Ereignisse erzeugen sie.

„SLP-Kunden muss man nicht prognostizieren.“ Das Profil bilanziert sie; die Beschaffung braucht trotzdem eine Erwartung der Last.

„Ein genauer Forecast macht den Bilanzkreis ausgeglichen.“ Ausfälle und Wetter bleiben. Ziel ist eine robuste Bewirtschaftung, und Ausgleichsenergie ist nach Ziffer 5.2 des Vertrags nur für nicht prognostizierbare Abweichungen zulässig.

Offen und nicht belegt

  • Die frühere Angabe zur Inbetriebnahme des MaBiS-Hubs (zweite Jahreshälfte 2028) wurde entfernt, weil sie hier nicht neu geprüft wurde. Stand siehe MaBiS-Hub.
  • Konkrete Prognosefunktionen in SAP IS-U oder im EDM sind nicht belegt.

Primärquellen zum Nachlesen

  1. Bundesnetzagentur – Muster-Bilanzkreisvertrag Strom, Lesefassung (BK6-23-102), Ziffer 5 und Anlage 3 Ziffer 5bundesnetzagentur.de
  2. Energiewirtschaftsgesetz § 20 – Zugang zu den Energieversorgungsnetzengesetze-im-internet.de
  3. Bundesnetzagentur – Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS)bundesnetzagentur.de
  4. Netztransparenz – Fahrplanmanagementnetztransparenz.de
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