Kurzantwort
Die Messrichtung ist die Richtung des Energieflusses am Zählpunkt. Bezug ist Energie, die der Kunde aus dem Netz entnimmt, Lieferung (Einspeisung) ist Energie, die er ins Netz abgibt. Die Codeliste der OBIS-Kennzahlen legt das so fest: Die Richtungsangabe „+“ bedeutet „Bezug des Kunden aus dem Netz“ (1-b:1.x.y), „−“ die „(Rück-)Lieferung des Kunden an das Netz“ (1-b:2.x.y). Beide Richtungen zählt ein Zweirichtungszähler in getrennten Zählwerken, Bezug in 1.8.0, Lieferung in 2.8.0. Die Zählerstände sind nie negativ: Die Richtung steckt in der Kennzahl, nicht im Vorzeichen des Werts (Ausnahme sind Korrekturmengen).
Zwei Richtungen, zwei Zählwerke
Wie ein einzelnes Zählwerk aufgebaut ist, erklärt Zählwerk und Zählwerksdaten, die Kennzahlen im Überblick OBIS-Kennzahlen verstehen. Zwei Zählerarten unterscheiden sich in der Richtung:
- Zähler mit Rücklaufsperre zählen nur den Bezug. Läuft die Energie rückwärts, bleibt das Bezugszählwerk stehen. Das genügt für reine Verbraucher.
- Zweirichtungszähler haben je ein Zählwerk für Bezug und Lieferung. Der Metering-Code-Entwurf (E VDE-AR-N 4400:2023-09, Tabelle 9) nennt als Energieflussrichtung für Zählerstände „+A und/oder −A“. Bei Erzeugungsanlagen werden nach Fußnote 16 beide Richtungen gemessen, wenn die Werte für die bezogene Energiemenge benötigt werden.
Auch Zeitreihen laufen je Richtung: 1.29.0 ist der Lastgang des Bezugs, 2.29.0 der der Lieferung.
Saldierend über die Phasen
Ein Drehstromzähler hat drei Außenleiter. Der Metering-Code-Entwurf (Fußnote 14) verlangt, elektronische Drehstromzähler nach dem Ferraris-Prinzip zu parametrieren: Zuerst wird über eine Integrationszeit von 0,5 bis 2 Sekunden der zählpunktbezogene Saldo über die drei Außenleiter gebildet. Auf diesen Saldo wirken Rücklaufsperre oder die Zuordnung zum Zählwerk Bezug beziehungsweise Lieferung.
Ein Beispiel: Eine PV-Anlage speist einphasig an L1 mit 2,0 kW ein, im Haus läuft an L2 ein Verbraucher mit 1,0 kW. Phasenscharf wären das 1,0 kW Bezug und 2,0 kW Lieferung. Der Saldo ist 1,0 kW Lieferung: Der Zähler zählt in dieser Zeit 1,0 kW in 2.8.0 und nichts in 1.8.0. Das gilt, solange die Summe über die Phasen negativ bleibt, auch wenn eine einzelne Phase bezieht. Der Entwurf ist noch nicht verbindlich; die Parametrierung legt der Messstellenbetreiber fest.
Von der Richtung zur Marktlokation
Eine Marktlokation erzeugt Energie oder verbraucht sie, nie beides (Die Marktlokation). Ein Haus mit PV-Überschusseinspeisung hat deshalb zwei Marktlokationen am selben Zweirichtungszähler: eine verbrauchende für den Bezug, eine erzeugende für die Lieferung. Die Strukturen dazu zeigt Lokationsbündel, den Zweirichtungszähler als Messkonstrukt die Seite Konstrukte.
Beispiel, ein Tag: Zählerstand Bezug 1.8.0 3.120,4 kWh am Morgen, 3.128,2 kWh am nächsten Morgen: 7,8 kWh Bezug. Zählerstand Lieferung 2.8.0 1.047,9 kWh, dann 1.060,3 kWh: 12,4 kWh Einspeisung. Beide Stände gehen als zwei Positionen in eine MSCONS, Prüfidentifikator 13017. Die 7,8 kWh rechnet der Lieferant der verbrauchenden Marktlokation ab, die 12,4 kWh werden an der erzeugenden Marktlokation vergütet oder vermarktet. Beide Mengen laufen nebeneinander und werden nicht verrechnet, auch wenn über den Tag mehr geliefert als bezogen wurde.
Stimmt die Richtung am Zähler? Gehört der Wert zur richtigen Messlokation? Wurde die Menge der richtigen Marktlokation und dem passenden Vertrag zugeordnet? Ein richtiger Zählerstand an der falschen Marktlokation bleibt fachlich falsch.
Typische Missverständnisse
Minus heißt, der Zählerstand ist negativ. Nein. „−“ bezeichnet die Richtung der Messgröße. Die Stände von 2.8.0 sind positiv und wachsen.
Einspeisung ist immer PV. Auch Speicher, KWK-Anlagen und andere Erzeuger liefern ins Netz.
Bezug ist immer Haushaltsverbrauch. Auch das Laden eines Speichers ist Bezug aus dem Netz.
Der Vertrag bestimmt die Richtung. Die Richtung entsteht physikalisch am Zählpunkt. Der Vertrag bestimmt, wer die gemessene Menge abrechnet.
Eine Anlage gleich eine Marktlokation. Anlage und Marktlokation sind verschiedene Objekte; eine Marktlokation hat immer eine Richtung.
Quellen und Einordnung
Die Richtungsdefinition steht in Kapitel 2.1 der Codeliste 2.5c. Rücklaufsperre, Saldierung und Energieflussrichtung stammen aus dem Entwurf des Metering Codes (E VDE-AR-N 4400:2023-09, Entwurfsfassung, Tabelle 9, Fußnoten 14 und 16); die endgültige Fassung kann abweichen. Die Beispielwerte sind frei gewählt. Abgerufen am 5. Oktober 2026.