Kurzantwort
Ersatzwerte ersetzen fehlende oder unplausible Messwerte. Sie entstehen nicht bei einem Zählerwechsel oder Überlauf, denn die behandelt man über Ausbau- und Einbaustand und rechnerisch. Welches Verfahren der Messstellenbetreiber (MSB) anwendet, hängt von der Messung ab. Bei Zählerständen ohne Lastgang (SLP) gilt der gesetzliche Weg über Durchschnitt oder Vorjahreswert. Beim Lastgang (RLM) hat nach dem Metering Code, hier als Entwurf, die Vergleichsmesseinrichtung höchste Priorität. Sonst gelten statistische Methoden: lineare Interpolation für kurze Lücken, ansonsten das Vergleichswertverfahren mit Skalierung. Jedes Verfahren erzeugt einen Zahlenwert, der gekennzeichnet übermittelt werden muss.
Abgrenzung: Wann ein Wert überhaupt als unplausibel gilt, steht in Plausibilisierung und Ersatzwertbildung. Statusarten, Fristen und Folgen für die Abrechnung (vorläufig oder Ersatz, V zu E zu W) erklärt Messwertstatus verstehen. Korrektur und Storno behandelt Korrekturwerte und Storno.
Was vorgegeben ist
Das Gesetz verlangt in § 55 Abs. 2 MsbG: Kann für die Abrechnung innerhalb der Fristen kein wahrer Messwert ermittelt werden, bildet der MSB im Einzelfall Ersatzwerte oder vorläufige Werte nach den anerkannten Regeln der Technik. Die WiM Teil 2 verweist für die Bildung vorläufiger Werte und Ersatzwerte auf die Bildungsregeln der VDE-AR-N 4400 (Kap. 2.1, Fußnoten 1 und 2). Beide Wertarten folgen also denselben Regeln.
Der Metering Code liegt frei nur als Entwurf von September 2023 vor. Er betont selbst, dass die Verfahren „mögliche Strategien“ zeigen, nach Prioritäten für eine möglichst genaue Bildung geordnet (Kap. 7.1).
Welches Verfahren wann?
| Messung | Verfahren (nach Entwurf) |
|---|---|
| SLP, manuelle oder elektronische Ablesung ohne Gateway | Wie § 71 Abs. 3 MsbG (Entwurf Kap. 7.2): Durchschnittsverbrauch des vorhergehenden und des nachfolgenden Ablesezeitraums oder Vorjahreswert |
| iMS, Zählerstände (TAF 1, 2) | 1. Übernahme aus dem Zählerstandsgang (TAF 7) oder dem anderen TAF, auch Ersatzwerte 2. Extrapolation aus der eigenen Historie (mindestens 90 Tage) 3. Jahresverbrauchsprognose und Referenzprofil |
| iMS und RLM, Lastgang und Zählerstandsgang (TAF 7) | Vergleichsmesseinrichtung (höchste Priorität) sonst statistische Methoden: lineare Interpolation (Lücke bis sieben Werte), Vergleichswertverfahren mit Ersatzprofil und Skalierung |
| Spannungsausfall im Zählerstandsgang | Nullwerte, wenn die Unterbrechung des Energieflusses eindeutig feststeht |
Weiter führt Tabelle 12 des Entwurfs die Anlagenart an. Für Photovoltaik und Wind steht zuerst die Information des Anlagenbetreibers oder Netzbetreibers, dann das Referenzprofil, dann historische Werte. Für vorläufige Werte kommen bei Kraftwerken, Industrie und steuerbaren Verbrauchseinrichtungen Fahrpläne hinzu.
Im MSCONS-AHB 3.2 trägt ein Ersatzwert (Code 67) in Strom das Verfahren im Segment STS (Z32) mit einem der Codes Z88 Vergleichsmessung (geeicht), Z89 Vergleichsmessung (nicht geeicht), Z92 Interpolation, ZJ2 Statistische Methode oder ZS0 „gemäß Angaben auf Ebene der Messlokation“. ZS0 gibt es bei Energiemenge und Lastgang der Marktlokation und nur bei einer 1:n-Beziehung zu den Messlokationen mit unterschiedlichen Verfahren (z. B. 13019, Seite 40). Der AHB ordnet nicht ausdrücklich zu, welche Verfahren des Metering Code unter ZJ2 fallen.
Beispiel 1: Zähler zeigt nicht an (SLP)
Der Display eines Haushaltszählers fällt aus. Nach § 71 Abs. 3 MsbG ermittelt der MSB, wenn eine Messeinrichtung Messwerte nicht anzeigt oder die Fehlergröße nicht feststellbar ist, die Daten seit der letzten fehlerfreien Ablesung. Er nimmt den Durchschnittsverbrauch des vorhergehenden und des nachfolgenden Ablesezeitraums oder den Vorjahreswert, soweit Parallelmessungen keine ausreichende Verlässlichkeit bieten. Für Grundversorger enthält § 18 StromGVV dieselbe Regel; dort sind zusätzlich die tatsächlichen Verhältnisse angemessen zu berücksichtigen.
Vereinfachtes Beispiel, 81 Tage ohne Anzeige:
| Größe | Wert |
|---|---|
| Zeitraum davor (365 Tage) | 3.285 kWh = 9,0 kWh/Tag |
| Zeitraum danach (365 Tage) | 3.650 kWh = 10,0 kWh/Tag |
| Mittel beider Tagesverbräuche | 9,5 kWh/Tag |
| Ersatzwert 81 Tage | 81 × 9,5 = 769,5 kWh |
| Variante: Vorjahreswert desselben Zeitraums | 840 kWh |
Das Gesetz lässt beide Wege zu. Der MSB wählt, begründet und kennzeichnet. Die Arbeitsmenge geht mit Status Ersatzwert und Verfahren an Netzbetreiber und Lieferant.
Beispiel 2: Lücke von vier Werten (RLM, Interpolation)
Der Entwurf lässt Lücken von höchstens sieben aufeinanderfolgenden Werten bei Lastgang und TAF 7 linear interpolieren, ausgehend von geprüften, plausiblen Werten ohne Fehlerstatus (Kap. 7.4.2). Die Formel für den ersten Ersatzwert bei vier fehlenden Werten lautet x(n) = x(n−1) + (x(n+4) − x(n−1)) / 5.
Rechnung für 01:30 Uhr: 4,300 + (4,100 − 4,300) / 5 = 4,260 kWh. Die weiteren drei Werte entstehen genauso, der Abstand beträgt je 0,040 kWh. Im MSCONS-Code entspricht das dem Verfahren Z92 Interpolation.
Beispiel 3: Zählerstandsdifferenz und Skalierung (RLM, Vergleichswert)
Das Vergleichswertverfahren hat vier Schritte: Wertebestimmung, Ersatzprofilbestimmung, Priorisierung des Ersatzprofils und Skalierung (Kap. 7.4.4). Die Wertebestimmung nimmt vorhandene Werte der gestörten Messstelle, etwa die Differenz zweier Zählerstände oder eine Ablesung. Als Ersatzprofil dienen zeitgleiche Werte ungestörter Vorperioden, bei Beachtung von Wochentag und Feiertagen. Der Skalierungsfaktor ist das Verhältnis der Energiemenge in der Lücke zur Summe der Referenzwerte (Kap. 7.3.7). So bleibt die Summe der Ersatzwerte gleich der Energiemenge der Lücke.
Fortsetzung des Beispiels aus Plausibilisierung und Ersatzwertbildung: Zwischen 14:00 und 15:00 Uhr stehen vier Nullwerte im Lastgang, die Zählerstandsdifferenz zeigt 25,5 kWh. Referenz ist der gleiche Wochentag der Vorwoche.
| Viertelstunde | Referenz Vorwoche | Ersatzwert (× 1,2) |
|---|---|---|
| 14:00 | 5,00 kWh | 6,00 kWh |
| 14:15 | 5,25 kWh | 6,30 kWh |
| 14:30 | 5,50 kWh | 6,60 kWh |
| 14:45 | 5,50 kWh | 6,60 kWh |
| Summe | 21,25 kWh | 25,50 kWh |
Skalierungsfaktor: 25,5 / 21,25 = 1,2. Der Verlauf der Vorwoche bleibt erhalten, die Menge stimmt mit dem Zähler überein.
Was mit dem Ersatzwert passiert
Der MSB übermittelt den Wert in der MSCONS mit Code 67, dem Verfahren (Z32) und dem Grund (Z40, z. B. Z74 „kein Zugang“, Z75 „Kommunikationsstörung“, ZA1 „Messwert unplausibel“). Frist, Übergang V zu E zu W und die Folgen für Abrechnung und Bilanzierung stehen in Messwertstatus verstehen. Wird ein bereits übermittelter Wert nach Storno durch einen Ersatzwert ersetzt, ist zusätzlich ein Korrekturgrund anzugeben (STS Z34, MSCONS-AHB 13017, Seite 28).
Bei einem Zählwerksfehler (Stillstand, Verlangsamung, Manipulation) übermittelt der MSB den abgelesenen Zählerstand unverändert und für den zu korrigierenden Verbrauch eine Korrekturenergiemenge auf Ebene der Messlokation (WiM Teil 2, Kap. 2.5.3). Das beschreibt Korrekturwerte und Storno.
SAP IS-U
Am Ablesebeleg EABL stehen das Schätzverfahren (SCHAEVER) und der Schätzgrund (SCHAEGR). EL18 schätzt fehlende Ableseergebnisse eines Abrechnungszeitraums aus dem Verbrauch der Vorjahre als Massenlauf. EL30 schätzt einzelne Ableseergebnisse manuell. Für Lastprofile führt EPROFHEAD im Feld REPLACEMETHODGRP die Ersatzwertgruppe, eine Gruppe von Verfahren zur Bildung von Ersatzwerten. Wie ein Projekt SCHAEVER auf die MSCONS-Codes Z88 bis ZS0 abbildet, ist hier nicht belegt.
Kurzvideo: Von der Ablesung zur Rechnung, Kapitel „Ersatzwert und vorläufiger Wert“ ab 4:11 Minuten.
Fehlerfälle
Ersatzwert ohne Kennzeichnung. Die WiM verlangt, veränderte Werte kenntlich zu machen (Kap. 2.2.2). Ohne Status und Verfahren hält der Empfänger den Wert für gemessen.
Zu lange Lücke interpoliert. Der Entwurf lässt Interpolation nur bis sieben fehlende Werte zu. Längere Lücken brauchen Vergleichswert und Ersatzprofil.
Falsche Referenz. Wochentag, Feiertag und Betriebszustand müssen zur Lücke passen. Ein Sonntag taugt nicht als Referenz für einen Werktag.
Dauerhafter Ersatz. Wiederkehrende Ausfälle verlangen strukturelle Maßnahmen (§ 55 Abs. 2 MsbG), keine dauerhafte Schätzung.
Typische Missverständnisse
„Bei einem Zählerwechsel oder Überlauf wird ein Ersatzwert gebildet.“ Ein Wechsel wird über Ausbau- und Einbaustand abgegrenzt, ein Überlauf rechnerisch behandelt. Ersatzwerte sind für fehlende oder unplausible Werte da.
„Der Ersatzwert ist genauer als der vorläufige Wert.“ Beide folgen denselben Bildungsregeln. Sie unterscheiden sich im Status und in der Abrechnungsrelevanz.
„Interpolation passt immer.“ Sie passt für kurze Lücken im Lastgang. Bei Zählerständen und längeren Lücken gelten andere Verfahren.
„Der Entwurf des Metering Code ist verbindlich.“ Er zeigt die Systematik. Verbindlich ist die in der WiM in Bezug genommene geltende Fassung.
Quellen und Pflegehinweis
Verfahren: Entwurf E VDE-AR-N 4400:2023-09, Kap. 7. Rechtsgrundlagen: MsbG §§ 55 und 71, StromGVV § 18. Prozessregeln: WiM Teil 2 (BK6-24-174). Codes: MSCONS-AHB 3.2. Bei der nächsten Prüfung zu kontrollieren: die geltende Fassung des Metering Code und die Zuordnung der Verfahren zu den MSCONS-Codes. Geprüft am 5. Oktober 2026.